Zugvogelzeit über Sylt


Im Herbst kommen zehn Millionen Zugvögel aus dem Norden ins Wattenmeer. Pfuhlschnepfen, Sanderlinge und andere Watvögel stärken sich für den kräftezehrenden Weiterflug in ihre Winterquartiere in Südeuropa und Afrika. Einige verbringen gleich den ganzen Winter hier. Der Verein Jordsand e.V. bietet regelmäßig Führungen am Rantumbecken auf Sylt an – ein Augenschein vor Ort.

Am Wattenmeer im Sylter Osten, es ist eine Stunde vor Hochwasser. Vor dem Damm östlich des Rantumbecken liegen noch letzte Sandbänke trocken. Darauf drängen sich Goldregenpfeifer, dazu kommen Knutts, Alpenstrandläufer und Pfuhlschnepfen. In den Trupps herrscht Unruhe. Mit leisem Rauschen starten hunderte Goldregenpfeifer gen Himmel über der Nordsee – Bühne frei für ein himmlisches Ballett.

Diese Vorstellung findet nicht nur statt in reiner Formation, sondern auch mit Farbe: Wenn Goldregenpfeifer sich im Fluge drehen, dann wirkt ihr Gefieder goldig. So rauscht ein schimmernder Schatten über dem Wattenmeer hin und her und verschwindet bald gen Horizont. Dann ist am Himmel plötzlich etwas zu erkennen, das wie ferner Rauch aussieht. Dunkel vor dem hellen Grau des Himmels, weit weg ist es und wehend, flüchtig. Doch bewegt es sich zunehmend zielgerichtet. Aus einer (scheinbar) ungeordneten Erscheinung wird eine sortiert und kompakt erscheinende Figur.

Die wenigen Leute auf dem Deich sind beeindruckt und starren gebannt auf den Himmel, denn diese Aufführung ist fantastisch – wirkt aber auch ein wenig unheimlich, unbegreiflich und im wahren Wortsinn unfassbar. Da oben fliegt etwas in spielerischer Leichtigkeit und rasanten Veränderungen. Weht wie eine Wolke über das Wattenmeer und beginnt plötzlich zu pulsieren, zieht sich zusammen und verdunkelt sich, stiebt dann auseinander und wird licht.

Was wirkt wie eine fliegende Wand am Himmel, formiert sich augenblicklich um zu etwas UFO-Ähnlichem, dann zu einer Ellipse. So schnell, so irre, so fantastisch, dass die Leute kaum mit der Beschreibung des Beobachteten nachkommen: „…wie ein Wal sieht das aus“, meint die eine, „…wie das Lufthansa-Emblem, wie ein riesengroßer Kranich“, meint der andere. Tausende Vögel wie ein einziger Organismus. Nebenbei blinkt ein kleiner Schwarm Alpenstrandläufer am zunehmend dämmeriger werdenden Himmel. Mal Schwarz, mal Weiß, denn auch Alpenstrandläufer können mit der Färbung des Gefieders spielen.   Und die Gänsehaut kommt nicht von der aufziehenden Kälte allein, die das Hochwasser mitgebracht zu haben scheint. Nun kommt eine Wolke - sprich: nächster Vogelschwarm - näher, der in sich rotiert, ein ungestüm wirkender Wirbelwind, doch in hochkomplexer, austarierter Ordnung. Sich rhythmisch ausdehnend und zusammenziehend und in ständigem, abruptem Richtungswechsel fliegend. Bis sich plötzlich ein Sog nach unten entwickelt: erste Vögel strudeln hinab, der Schwarm beginnt, sich trichterförmig zu drehen – wie Wasser im Abfluss, wie eine Windhose. 

Diese Vögel müssen jetzt – sei es zum Fressen, sei es zum Rasten - nah an die Kante, es ist Hochwasser und im Watt sind kaum noch trockene Flächen verblieben. Wieder nähert sich ein Schwarm, und nun hört man die Vögel auch, spürt sie – ist im Banne des Unheimlichen. Geschätzte 2000 Knutts und Alpenstrandläufer brummen wie ein Propellerflugzeug und ein Vibrieren ist zu spüren. Ein  nahes Manöver klingt wie das kurze Schnauben eines Pferdes. Plötzlich ist Stille und die Aufführung ist vorbei, die himmlischen Bilder verschwunden.      

Begleitet wurde dieser Ausflug von zwei jungen Leuten, die beim Verein Jordsand zum Schutz der Seevögel und der Natur e.V. (www.jordsand.de)  ein Praktikum auf Sylt absolviert haben. Er fand dort statt, wo der Damm des Rantumbecken auf die Insel südlich von Keitum trifft. Von dort reicht der Blick auf das Watt. Die beschriebenen Flugformationen lassen sich in diesem Umfang am besten zu Zeiten des Vogelzugs beobachten. Dann rasten im Watt vor Sylt bzw. auf der Insel große Vogelschwärme, um sich für den Weiterflug satt zu fressen. Watvögel, die in schönen Formationen fliegen, sind zum Beispiel Alpenstrandläufer, Knutts und Pfuhlschnepfen. Diese Vögel rasten ungern an Land (weil es dort für sie unsicher ist), deshalb konzentrieren sie sich auf den freien Flächen im Watt bzw. fliegen diese an – zu Zeiten des Hochwassers sind diese begrenzt und von daher müssen sich die Vögel an solchen Stellen konzentrieren. Die o.g. Exkursion begann eine Stunde vor Hochwasser. Ob, wo und wann genau solche Formationen zu beobachten sind, ist exakter nicht vorherzusagen. Der Verein Jordsand e.V. bietet regelmäßig Führungen am Rantumbecken an. Die aktuellen Termine finden Sie auf www.jordsand.de/aktuelles/veranstaltungen

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