Entschleunigung auf der Göscheneralp

Zu den Sommer-Experiences des The Chedi Andermatt zählt eine unvergessliche Tour abseits des Luxus. Im Mittelpunkt steht die Ziegenschar von Christian Näf.

Nebelschwaden steigen vom Tal hoch. Dunkle Wolken künden Regen an, so dass wir nur zu gerne im Stall Schutz suchen. Dort ist es schön warm und kuschelig. Der Duft von frischem Heu steigt in die Nase. Neugierig strecken zwei Ziegen ihre Köpfe über den Holzzaun, eine Dritte versucht an meiner Regenjacke zu knabbern. «Passt auf, wo ihr steht. Die Geissen sind ziemlich frech», sagt Christian Näf, der gerade zwei Gläser mit Ziegenmilch füllt – selbstverständlich direkt ab Geiss. «Wer will davon kosten?» Zögerlich nippe ich an der lauwarmen Milch und bin positiv überrascht. «Je frischer Ziegenmilch konsumiert wird, desto geringer ist der wahrnehmbare Ziegen-Eigengeschmack», erklärt der 34-järige Landwirt. Der niedrige Kasein-Gehalt von Ziegenmilch macht sie leichter verträglich als frische Kuhmilch, welche zu etwa 80 Prozent des Kuhmilcheiweiss enthält.

Christian Näf beim Melken einer Gemsfarbenen Gebirgsziege.

Für den Jö-Effekt sorgt der Nachwuchs. Publikumsliebling der meckernden Herde ist unbestritten das kleinste Zicklein, eine Walliser Schwarzhalsziege. Eine Gattung, die es Näf besonders angetan hat. Behutsam und geschickt zugleich legt mir Christian das Jungtier in die Arme. Es ist angespannt, nervös, das Herz böpperlet ganz schön. Nach einiger Zeit beruhigt sich das Zicklein und lässt sich ohne zu Meckern fotografieren. Auf der anderen Seite des Stalls quetscht sich «Siglinde» durch einen Spalt im Holzgeländer. Die Nummer 82 ist eine Gemsfarbene Gebirgsziege. Mit ihr und weiteren 90 Artgenossen, bewirtschaftet Christian die steilen und steinigen Hänge des Göscheneralptals, welches seit zwölf Jahren sein Zuhause ist. Die Leidenschaft für Ziegen begann bereits im Kindesalter. «Als Fünfjähriger war ich mit meinen Eltern hier oben in den Sommerferien. Darauf meldete ich mich als «Geissbueb» und verbrachte viele Sommertage auf der Alp», erinnert sich der gebürtige Toggenburger.

Nach der Ausbildung zum Landwirt EFZ konnte Christian 2010 den Betrieb pachten und später, mit Hilfe von grosszügigen Spendern in einer Crowdfunding-Aktion, dem bisherigen Verpächter abkaufen. Seither bietet er auch Betriebsführungen in seinem «Geissenparadies» (www.geissenparadies.ch) an.

Der Hof liegt idyllisch im «Gwüest» mitten im bergigen Gelände des Göscheneralptals. Dort lebt Christian Näf mit Ehefrau Lydia und dem Eineinhalbjährigen Nachwuchs, ein zweites Kind ist unterwegs. Neben den Ziegen finden auch Schweine, Hühner, Katzen und ein Hund Platz.

Saftige Wiesen auf der Göscheneralp.

Lydia treffen wir in der Scheune. Die gebürtige Deutsche zaubert ein «Plättli» auf einen langen Holztisch: natürlich Ziegenkäse, Ziger, Trockenfleisch, Salsiz, Speck, selbstgebackenes Brot, Tomaten und Äpfel, dazu Wasser ab eigener Quelle. «Es ist uns wichtig, dass möglichst alle angebotenen Produkte aus dem Göscheneralptal stammen», unterstreicht Lydia.

In der hauseigenen Käserei entstehen Geisskäse, Ziger, Butter und Molke. Die gesunde Ziegenmilch ist naturbelassen und thermisiert erhältlich. Pro Tag fallen rund 220 Liter Milch an. Verkauft werden die Produkte direkt ab Hof und Alp oder auf Bestellung. Zudem stellt Näf auch Salsiz, Trockenfleisch und weitere Produkte her, die er hauptsächlich regional vermarktet. In Lydia hat er, neben vier Angestellten und drei bis vier Aushilfen im Sommer, eine wertvolle Unterstützung gefunden. «Solche Frauen findet man nicht am Wegrand. Diesen Beruf muss man ausüben wollen und nicht müssen. Alles muss unter einen Hut passen», sinniert Christian.

Christian Näfs Tage sind intensiv und starten lange vor Sonnenaufgang. Die frühen Morgenstunden nutzt der Landwirt meist für wichtige Büroarbeiten. Er bearbeitet neue Bestellungen, stellt die Tagesplanung fertig und beantwortet E-Mails. «In unserem Geissenparadies gibt es Tag für Tag viel Arbeit – und meist kommt noch Unvorhergesehenes hinzu. Doch wenn man einen Job gerne macht, geht es auch mit wenig Schlaf.» Den Sommer verbringt er mit rund 230 Ziegen, Böcken und Jungtieren auf dem Alpbetrieb gleich vor der Mauer des Stausees auf 1800 Metern über Meer. «In zwei Wochen ist es endlich wieder soweit», verrät uns Christian. Dann dürfen sich auch die Gäste des The Chedi Andermatt auf eine Tour der ganz besonderen Art freuen: «Goat-Trekking»! Auf dieser Wanderung wird man von Ziegen begleitet und entdeckt so die umliegende wunderschöne Natur ganz neu. Unterwegs erfährt man von Christian viel Wissenswertes zu Nutz- und Wildtieren, Landwirtschaft, Natur und Umwelt – en passant und unkompliziert. Hier und da bleiben die tierischen Anführer stehen, um ein Maul voll frisches Gras zu rupfen. Voller Entdeckungsfreude und lebensfroh sorgen die trittsicheren Vierbeiner beim Wandern durch die vielseitige Berglandschaft für Abwechslung und gute Laune. Gleichzeitig wirkt die Ausgeglichenheit der Ziegen entschleunigend und dank der Ermunterung und spontanen Zuneigung der Ziegen wird das emotionale Wohlgefühl gesteigert. Auf einer Bergwiese geniessen die Wanderinnen und Wanderer ein feines Picknick, natürlich ganz à la The Chedi Andermatt. Ein unvergessliches Abenteuer für Natur- und Tierfans.

Die Herde setzt sich aus verschiedenen Rassen zusammen, vornehmlich aus der Gemsfarbigen Gebirgsziege und der Walliser Schwarzhalsziege.

Die Ziegen kommen nicht nur bei den Gästen des The Chedi Andermatt gut an; die Nachfrage von Schulklassen oder Altersheimen steigt. Das Interesse und Verständnis für die verschmusten Paarhufer in der Bevölkerung zu vergrössern, ist Teil der Geschäftsidee.

Der Regen hat nachgelassen und den Ziegen ist das Highlight des Tages gegönnt: frisches Gras. Übermütig stürmen die Geissen vom Stall auf die Wiese und freuen sich auf die willkommene Abwechslung im Speiseplan. Wir nehmen Abschied von Siglinde & Co.. Allzu schnell habe ich mein Herz an die klugen Tiere verloren, die Trennung fällt nicht nur mir schwer.

Als angenehmer Trost bietet sich ein Besuch im 2’400 Quadratmeter grossen The Spa and Health Club des The Chedi Andermatt an. Hier entspanne ich mich am 35 Meter langen und mit einem Glasdach bedeckten Indoor-Pool und lasse mich bei einer Massage im preisgekrönten Spa des Luxusresorts verwöhnen.

Im «The Restaurant» treffe ich erneut auf die Geisskäse von der Göscheneralp. Dort lagern sie aber nicht ganz so simpel wie im Kühlschrank des Hofladens, sondern in einem gläsernen Turm, stolze fünf Meter hoch, mitten im Restaurant mit den vier Showküchen. Die verschiedensten Käselaibe – die Mehrheit aus den umliegenden Alpen – stapeln sich in den Regalen bei fünf Grad Celsius und stellen so manchen Käseafficcionado vor die Qual der Wahl.

Oben auf der Göscheneralp ist Ruhe eingekehrt. Für Morgen ist eine weitere Betriebsbesichtigung geplant. Ein weiterer Tag, der für schöne und unvergessliche Jö-Momente sorgen wird.


Package Goat-Trekking

bis Ende Sommersaison (nur in Verbindung mit einem Aufenthalt im The Chedi Andermatt buchbar)

ab 200 Franken für 2.5 Stunden Führung/Wanderung, exkl. Transfer und Mittagssnack

«Dolce-Vita»-Tipp: Route-66-Feeling in Andermatt Gemeinsam mit Harley-Davidson fährt The Chedi Andermatt diesen Sommer von Mitte Juli bis Mitte Oktober erstmals elektrisch die Andermatter Bergpässe entlang. Auf knapp 1’500 Höhenmetern bietet der exponierte Hotelstandort in Andermatt bis zu acht Schweizer Alpenpässe für eine circa zweistündige Testfahrt mit der elektrischen Harley-Davidson. Im hoteleigenen Roadbook finden sich ausgewählte Roadtrips, unter anderem entlang der bekannten Alpenpässe Gotthard, Grimsel oder Klausen.



THE CHEDI ANDERMATT Mittlerweile ist es beinahe acht Jahre her, dass Andermatt zu seinem speziellen Luxus-Hotel gekommen ist. Ende 2013 wurde das «Chedi», wo sich der authentische alpine Chic der Schweiz perfekt mit asiatischem Stil verbindet, eröffnet. Seitdem kann sich das Projekt von Investor Samih Sawiris nicht über einen Mangel an Aufmerk-samkeit und Auszeichnungen beklagen – 2021 wurde es wiederholt vom Forbes Travel Guide mit der Spitzenplatzierung ausgezeichnet und zählt weiterhin zu den besten Hotels weltweit. www.thechediandermatt.com